Und auf einmal ist es "Inklusion"

Die Integrationsbetriebe im Wandel der Zeit

„Mir gefällt's in der Arbeit deswegen sehr gut, weil nette Leute da sind. Es wird immer zusammen geholfen. Der Arbeitsablauf ist sehr ruhig, und ich habe einen sicheren Arbeitsplatz." So Martin W. auf die Frage, warum er an jedem Arbeitstag voller Freude in das Landshuter Netzwerk fährt, um dort im Reinigungsteam für die Sauberkeit der Räume zu sorgen.

Martin W. gehört seit gut einem Jahr den Integrationsbetrieben des Landshuter Netzwerkes im ehemaligen Postgebäude am Bahnhof an. Trotz seiner Ausbildung als Malerfachwerker habe er wegen seiner psychischen Behinderung keine Chance auf eine Festanstellung in einer „normalen" Firma gehabt. Erst ein berufsförderndes Praktikum beim Landshuter Netzwerk habe ihm die Möglichkeit gegeben, seine Qualitäten unter Beweis zu stellen. „Ich fühle mich hier wirklich sehr aufgehoben" stellt er abschließend fest.

Seit fast zwanzig Jahren gibt es sie jetzt schon, die Firmen im Verein „Landshuter Netzwerk", in denen Menschen eine Beschäftigungsmöglichkeit finden, die auf dem normalen Arbeitsplatz auf Grund ihrer körperlichen und/oder psychischen Einschränkungen keine Chance hätten. Was einmal mit zwei, drei Mitarbeitern und einem gebrauchten Baustellenfahrzeug begann, hat sich heute zu einem mittelständischen Unternehmen mit fast 20 Festangestellten entwickelt, von denen über 60 Prozent schwerbehindert sind. Abteilungsleiter Georg Blieninger, zuständig für die technischen Betriebsabläufe, ist ein Mann der „ersten" Stunde. „Wir haben uns jeden Morgen getroffen und erst einmal den Tag geplant", erinnert er sich an die „gute, alte Zeit", und wenn ein Kunde für's Rasenmähen nicht erreicht werden konnte, dann hat man halt was anderes gemacht. Wir waren da sehr flexibel." Doch diese Zeiten sind vorbei, weiß Georg Fleissman, als Abteilungsleiter zuständig für die Personalplanung, zu berichten. „Wir versuchen wie jedes Unternehmen von der Jahresplanung bis hin zur jeweiligen Woche die Arbeitsabläufe zu steuern. Und das mit Mitarbeitern, die in Folge ihrer Besonderheiten oft ausfallen." „ Die gesundheitlichen Handicaps vieler Mitarbeiter machen eine längerfristige Planung schwierig", sagt Lisa Schmal, die seit Beginn des Jahres als Krankheitsvertretung die Arbeitsassistenz übernommen hat. Sie ist da, wenn es Fragen gibt – Fragen von Kunden oder von Angestellten. Und oft sind es auch persönliche Krisen am Arbeitsplatz, die mit ihrer Hilfe gemeistert werden. Und Georg Fleissman fügt hinzu, dass Organisation und Planung, alles unter einen Hut zu bekommen, mindestens 30 Prozent der täglichen Arbeit ausmachen.

Im Laufe der Jahre haben sich die einzelnen Bereiche im Landshuter Netzwerk immer weiter entwickelt, so dass zwei Säulen existieren: Das Café Netzwerk mit Betriebsgastronomie ist der eine Zweig. Christoph Schönstein, der Leiter von Café und Kiosk im Bezirkskrankenhaus Landshut, ist auch schon viele Jahre dabei. Für ihn ist die größte Herausforderung, mit seinen besonderen Mitarbeitenden jeden Tag pünktlich schmackhafte Gerichte zu servieren, auch wenn sich ein Großteil der Küchenmannschaft krank gemeldet hat. „Da musst du ruhigbleiben und darfst auch den Rest der Mannschaft nicht überfordern. Sonst", gibt er unumwunden zu , „stehst du plötzlich alleine da".

Der zweite Bereich besteht aus den „Netzwerkern". Sie bieten für jedermann Garten- und Landschaftsbau an, Maler- und Lackiererarbeiten, Entrümpelungen, Haushaltsauflösungen und eine eigene Wäscherei im Hause. Die ist gerade für Berufspendler günstig gelegen, die am Morgen auf dem Weg vom Parkplatz zum Bahnhof ihre Wäsche abgeben und oftmals noch am selben Tag auf dem Rückweg abholen können. „Das ist wirklich praktisch", schwärmt Margit H., die täglich nach München zur Arbeit fährt. „Und wenn der Parkplatz jetzt durch den Hotelneubau wegfallen sollte", ergänzt sie, „dann mache ich halt einen kleinen Umweg von der Oberndorfer Straße aus. Sind ja nur fünf Minuten."

„Diese Kundenzufriedenheit zu erhalten und weiter zu entwickeln, um somit Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern, das ist unsere wichtigste Aufgabe", meint Georg Fleissman und fügt kritisch hinzu, „obwohl der Inklusionsgedanke jetzt in aller Munde ist, und wir ohne die Förderungen durch Regierung und Bezirk nicht überleben könnten, so praktizieren wir den Gedanken der Teilhabe schon seit gut zwanzig Jahren im täglichen Wettbewerb durch die Qualität unserer Dienstleistungen und das Engagement unserer Mitarbeitenden – mit und ohne Handicap."

Und Thomas M., der bei den „Netzwerkern" in einem vom Bezirk geförderten Zuverdienstprojekt eine stundenweise Beschäftigung im Garten- und Landschaftsbau gefunden hat, bringt seine persönliche „Inklusion" auf den Punkt: „Wir leisten die Arbeit in dem Umfang, wie wir es können. Ohne, dass wir gezwungen werden. Man kann noch handwerkliche Fähigkeiten erlernen. So habe ich bei den Netzwerkern das Bedienen eines Freischneiders und das Mischen von Zement erlernt. Gar nicht so schwer, wenn man es erklärt bekommt und dann mal ausprobiert hat. Bei Problemen gibt es immer eine helfende Hand, ein offenes Ohr. Eigentlich möchte ich für immer bei den Netzwerkern bleiben."

 

Georg Fleissman M.A.
Pädagogische Leitung Inklusionsbetriebe